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Übersetzungstheorie

Приложение 13

deutsch

Text 13

Europa wird größer- wo sind die Grenzen?

Görlitz/Zgorzelec- vom Rand in die Mitte

In Görlitz ist vieles anders als in den anderen europäischen Grenzstädten. Die östliche Stadt Deutschlands verdankt positive wie negative Entwicklungen in ihrer knapp 1000-järigen Geschichte vor allem ihrer Lage. Genau auf dem 15. östlichen Längengrad liegt die Stadt, also dort, wo die Zeit mitteleuropäisch wird. “Mittiger Europa geht es eigentlich gar nicht” sagt auch Ulf Großmann, der Kulturbürgermeister von Görlitz. Trotzdem lag Görlitz jahrzehntelang am äußeren Rand: erst am Rand der DDR, dann- nach der Wende- am Rand der BRD und damit auch der Europäischen Union.

Die Neiße trennt hier nicht nur Deutschland und Polen, sondern auch zwei Teile einer Stadt. Der frühere Ostteil von Görlitz liegt auf polnischen Staatsgebiet und heißt Zgorzelec. “Mitten durch Görlitz und Zgorzelec laufen alle Grenzen der Europäischen Union, die wir jetzt noch haben: Jenseits der Neiße, die man ja fast überspringen kann- so schmal ist sie-, haben wir ein anderes Hoheitsgebiet, ein anderes Staatsgebiet, einen anderen Währungsraum und einen anderen Kulturraum.” Was Großmann seit 1990 zusammen mit seinen Kollegen auf deutscher und polnischer Seite erarbeitet, konzipiert und beschließt, ist streng genommen außenpolitische Kulturarbeit, Kommunalpolitik an der Außengrenze der EU.

Auch wenn Görlitz seit sechs Jahrzehnten am Rand liegt, im Spätmittelalter war es gerade die zentrale Lage an einem Verkehrsknoten, der die Stadt ihre Entwicklung zu einer reichen Handelsmetropole verdankt. Hier kreuzten sich zwei der wichtigsten Handelsstraßen Europas: die Via Regia, die Spanien mit Russland verband und die Bernsteinstraße, die vom Ostseeraum bis nach Böhmen und Südosteuropa führte.

Görlitz lag im Zentrum des Geschehens. Der Handel mit Stoffen und dem Tuchfärbemittel Waid florierte wie das Tuchmacherhandwerk. “Es ist unser Interesse, dieses Fadenkreuz als kommunikativen Ort wiederzulieben. Hier haben sich die Händler aus Krakau oder Padua getroffen, hier liefen die Informationen zusammen. Die Handelsleute schickten ihre Karawanen von Görlitz bis zur Seidenstraße. An diesem Punkt möchten wir wieder ansetzen. Auch wenn wir heute natürlich keine Karawanen mehr losschicken: Görlitz kann das Zentrum des Dialogs mit den östlichen Nachbarn werden”.

Kriege beendeten die erste Blütezeit der Stadt- der Dreißigjährige Krieg, die Napoleonischen Eroberungszüge. Doch immer noch geben die Hallenhäuser am Untermarkt eindruckvoll Zeugnis von der wirtschaftlichen Kraft der Handelsstadt und vom Wohlstand der reichen Kaufmannsschift.

Im 19 Jahrhundert stieg Görlitz- seit 1815 Teil der preußischen Provinz Niederschlesien- zum wirtschaftlichen, politischen und geistigen Zentrum der Oberlausitz auf. Während dieser zweiten Glanzzeit entstanden die prächtigen Wohnviertel im Jugendstil. “Aus dieser Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs stammen auch eine ganze Menge von Verbindungslinien, die stärker Richtung Osten als in den Westen gehen. In der Tradition steht Görlitz Breslau fast näher als Dresden.” Görlitz verband Schlesien, Böhmen und Preußen, Osten und Westen. Und wieder waren es Kriege, mit denen die glanzvollen Zeiten endeten.

In Görlitz sind die Folgen des Zweiten Weltkriegs immer noch deutlich zu spüren- und das, obwohl die Stadt unzerstört bliebt, denn der Inhalt der alliierten Bombentanks reichte nicht für einen Flug bis hierhin. Nicht die Zerstörung von Bausubstanz wirkt in Görlitz/Zgorzelec nach; es ist die Riss, der mitten durch die Stadt geht. Als mit dem Potsdamer Abkommen 1945 die Oder/Neiße-Linie als vorläufige Grenze zwischen Polen und Deutschland festgelegt wird, zerreißt die Stadt in fast gleich große Teile.

Im Sommer 1950 erklärten die Regierungen der DDR und der Volksrepublik Polen in Zgorzelec die Oder/Neiße-Linie zur endgültigen “Friedensgrenze”. Der Name täuscht jedoch über die Beziehung der beiden sozialistischen Staaten hinweg. Zwar gab es offizielle Treffen , doch zwischen den Bürgern der beiden Städte gab es so gut wie keine persönliche Kontakte. “Der visumsfreie Grenzverkehr setzte erst 1972 ein und die Grenze wurde sofort wieder geschlossen, als die Solidarnosc in Danzig 1980 auf die Barrikaden ging.” Denn: Das SED-Regime fürchtete, dass die polnische Oppositionsbewegung auf eigene Land übergreifen könnte.

“Alles, was nach dem Krieg hatte geschehen müssen, was zum Beispiel im deutschen-französischen Dialog vom ersten Moment geschehen ist, als sich Schulmann und Adenauer zusammengetan haben, um das Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen zu verbessern- das alles hier nicht geschehen. Man hat dies zwar auf der Ebene der sozialistischen Bruderstaaten versucht, doch davon ist kaum etwas den Bürgern durchgedrungen.

Erst die Wende brachte auch eine Wende für Görlitz. Zur Zeit des Mauerfalls 1989 und der deutschen Wiedervereinigung 1990 stand die Altstadt kurz vor dem Verfall. Zu DDR-Zeiten passte die Pflege des wertwollen bürgerlichen Erbes nicht zur Staatsideologie. In den 70er Jahren gab es sogar Pläne, erhebliche Teile der Altstadt aus Sicherheitsgründen abzureißen. Engagierte Bürger und Denkmalpfleger sowie Mangel an Kapital bewahrten die Stadt von dieser städtebaulichen Katastrophe. Nichts konnte jedoch verhindern, dass am Stadtrand ein Ring  mit gesichtslosen Plattenbauten hochgezogen wurde.

Für die vom Verfall bedrohten Juwelen der Architektur kam die Wende gerade noch rechtzeitig. Zahlreiche Fördermittel des Bundes flossen in ein aufwändiges Programm zur Sanierung der. Unterstützung kam und kommt dafür seit 1995 von einem anonymen Wohntäter der jährlich 511.500 Euro (1. Mio DM) spendet.

Der größte Teil der Altbauten erstahlt neuem Glanz und es ist keineswegs übertrieben, Görlitz eine der schönste Städte zu nennen. Die Innenstadt besteht aus einem einzigartigen Ensemble von Häusern aus Spätgotik, Renaissance und Barock, aus Gründerzeit und Jugendstil. Über 3.500 Gebäude stehen unter Denkmalschutz und bilden das größte Flächendenkmal Deutschlands.

Viel der frisch sanierten Häuser stehen jedoch leer, was vor allem mit dem starken Rückgang der Bevölkerungszahlen in Görlitz zusammenhängt. Seit 30 Jahren reduziert sich die Zahl der Einwohner um etwa 1.000 pro Jahr. Der extreme Geburtenrückgang ist ein Grund dafür, aber viele suchen eben ihr Glück auch anderswo. Denn: Die Stadt hat mit gravierenden Strukturproblemen zu kämpfen, die Investoren sehen zurzeit noch eher die Nachteile der Randlage als deren Chancen. Bei einer Arbeitslosenquote von 24% lässt sich die starke Abwanderung der jungen Leute, die in Görlitz dringend werden, kaum aufhalten.

Schnell wird deutlich, dass der Sanierungsbedarf noch auf anderer Ebene besteht- in der Beziehung zu den Nachbarn in Zgorzelec. “Wir standen uns nach der Wende völlig sprachlos gegenüber. Es gab kaum Kommunikation, keine persönlichen Kontakte- alles das, was man für ein Zusammenwachsen braucht”. Die Bürger der Stadt, durch die eine Grenze verläuft, sind sich fremd. Verwandtschaftliche Beziehungen nach drüben gibt es kaum noch 99,9 % der Bewohner wurden nach Kriegsende aus dem Ostteil der Stadt vertrieben.

Nicht von ungefähr wurde Görlitz/Zgorzelec- die Stadt mit zwei Nationen- zuletzt in der Diskussion um das geplante Zentrum für Vertreibungen als geeigneter Standort ins Gespräch gebracht. In beiden Stadtteilen wirken Vertreibung und Flucht bis heute nach. In Görlitz machten nach den Kriegswirren Vertriebene Halt, die die Hoffnung hegten, von hier aus bald wieder in ihre Heimat, nach Schlesien zurückkehren zu können. In Zgorzelec wurden Ostpolen neu angesiedelt, die nach der Verschiebung der polnische Grenze nach Westen ihre Heimat verloren hatten. “Die wenigsten kamen freiwillig hierher. Sie kamen, weil sie selbst ihre angestammten Gebiete verlassen mussten.”

Gesichtsklitterung und Tabusierung bestimmten Jahrzehnte lang den Umgang mit den historischen Altlasten auf beiden Seiten der Neiße. Erst nach und nach arbeiten Deutsche und Polen- etwa in den “Görlitzer Mittwochgesprächen” – müh und gemeinsam ihre Gesichte und ihre Schicksale auf.

Seit fast 14 Jahren kämpft Ulf Großmann nun für das Zusammenwachsen der beiden Stadtteile. Ungebremst optimistisch berichtet er von den ungeheuren Fortschritten, ohne die entmutigenden Rückschläge zu verschweigen. “Die historischen und mentalen Belastungen können nicht innerhalb von wenigen Jahren abgearbeitet werden. Wir bewegen uns auf ganz dünnen Eis, auf ganz glatten Parkett. Bei den kleinsten Zwischenfällen- wenn etwa einer Deutschen bei einer Stadtführung in Zgorzelec die Handtasche geklaut wird- werden alte Kohlen aus dem Keller geholt, die die bekannten Vorbehalte wieder anheizen.” Negative Stereotype konnten in Zeiten einer geschlossenen Grenze auf beiden Seiten prächtig gedeihen.

Dennoch ist man heute ein gutes Stück weiter. “Mittlerweile gibt es kaum noch kulturelle Veranstaltungen, die nicht gezielt als grenzüberschreitende Aktionen angelegt sind” Im Theater werden deutschsprachige Inszenierungen immer mit polnischen Obertiteln gezeigt. Einmal im Monat gastiert hier ein polnischer Ensemble. Die Stadträte von Görlitz und Zgorzelec halten regelmäßig zusammen Sitzungen ab. Gemeinsam bewerben sich beide Städte darum, im Jahr 2010 Kulturhauptstadt Europas zu werden.

“Jede Aktion, bei der polnische gegen deutsche Jungen Fußball spielen, oder auch unser gemeinsamen Orchester: All das sind keine Selbstverständlichkeiten. Das sind die Erfolge vieler administrativer Anstrengungen, aber auch emotionaler Schritte, die die Leute hier aufeinander zu gehen.” Und zum Glück gehen die jungen Leute schon deutlich unbefangener mit ihren Nachbarn um als die ältere Generation: Pro Monat werden auf dem Standesamt in Görlitz eine bis zwei deutsch-polnische Ehen geschlossen.

Rege machen die Bewohner beider Städte von den Vorteilen der Grenzlage Gebrauch. Mit den Stadtbus fahren die Götlitzer über die EU-Außengrenze- eines der genehmigungstechnischen Wunder- zum Einkauf in den Real-Markt nach Zgorzelec oder zum Friseur. Und die Zgorzelecer kommen ans andere Ufer, weil ihnen hier andere Produkte angeboten werden, die sie mehr- wertsteuerfrei kaufen können. Die Dienstleiter aus beiden Seiten stellen sich zunehmend auf den wachsenden Grenzverkehr einen- lernen die Sprache der Nachbarn, akzeptieren ihre Währung und zeichnen die Ware zweisprachig aus.

Zahlreiche Initiative werden jedoch immer von bürokratischen Hürden gestoppt oder unerträglich lang aufgehalten. So hat es zehn Jahre gedauert, bis der erste offiziell anerkannte bilinguale Unterrichtsgang mit jeweils 15 polnischen und deutschen Schülern am Annengymnasium in Görlitz starten konnte.

Noch länger warten die Bürger bereits auf eine zweite Brücke über die Neiße. Bis zum 7. Mai 1945 führten in Görlitz sieben Brücken über den Fluss; sie wurden von der Wehrmacht bei ihrem Rückzug in die Luft gesprengt. Zehn Jahre lang kämpften die Stadträte in Görlitz und Zgorzelec gemeinsam darum, die ehemalige Altstadtbrücke wieder aufbauen zu dürfen- eine Fußgängerbrücke, die zugleich Grenzübergang sein muss. Verträge wurden ratifiziert, Abkommen unterzeichen, Genehmigungen eingeholt. “Wir haben uns

am Ende schon scherzhaft gesagt: “Fehlte nur noch, dass einer auf Idee kommt, das wir die UNO fragen müssen, ob wir unsere Brücken bauen dürfen”.

Der Beitritt Polenz zur EU am 1. Mai 2004 wir zwar viele bürokratische Stolpersteine aus dem Weg räumen, er wird aber schon östlich und westlich der Neiße mit Sorge erwartet: “Jeder, der sowohl auf polnischer als auch auf deutscher Seite erzählt, es wird alles nur besser, der ist unehrlich. Natürlich kommen Probleme auf uns zu, die aber teilweise durch die Übergangsregelungen abgeschwächt sind. So wird die Grenze je am 1.Mai nicht vollständig aufgehen. Personenkontrollen wird es vorläufig weiterhin geben”. Die größte Angst herrscht vor einer Überschwemmung des Arbeitsmarkt. “Auf der anderen Seite brauchen wir jetzt schon immer mehr Arbeitskräfte aus Polen- etwa im Gesundheitsbereich. Und in Polen braucht man wiederum anders qualifizierte Arbeiter- vielleicht aus Deutschland.

In jedem Fall gewinnt Görlitz/Zgorzelec mit der EU-Osterweiterung wieder seinen Platz in der Mitte Europas zurück und verliert eine der Grenzen, die durch die Stadt laufen.

Dagmar Giersberg.

Об авторе

Натаров Илья

Натаров Илья

Родился 09 апреля 1980 года в городе Баку, в этом же году переехал в Запорожье.
В 2003 году закончил Запорожский Государственный Университет и получил диплом преподавателя немецкого языка и немецкой литературы.

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