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Übersetzungstheorie

Приложение 14

deutsch

Text 14

Gregor Thum: Breslau, die fremde Stadt Heimat in der Fremde

“Breslau 1945”- dieser Name, diese Jahreszahl haben in meiner Leben eine besondere Bedeutung. Breslau ist die Stadt, in der meine Eltern lebten, in der ich 1943 geboren bin. Ich selbst habe kaum persönliche Erinnerungen, aber ich weiß aus unendlich vielen Erzählungen meiner Eltern und Großeltern nur zu gut, was es bedeutete in dieser Stadt zu leben- und sie verlassen zu müssen. Nur mit viel Glück gelang uns damals die Flucht aus dem brennenden Breslau, eine Flucht, die viele Monate dauerte. So wuchs ich- fern meiner Geburtsstadt- auf mit den Erinnerungen meiner Familie an Breslau, kannte die Straßen, Plätze und Kirchen mit Namen, lange bevor ich sie als Erwachsener besuchen konnte. Ich bin aufgewachsen mit der Liebe zu Breslau, sie war mir- so fern sie war- eine vertraute Stadt. Aber auch politisch hat das Schicksal der Stadt eine ganz eigene Bedeutung, wie Gregor Thums Studie zeigt. In der Einleitung erläutert der Schüler des bekannten Osteuropa-Historikers Karl Schlögel diese Sonderstellung: “Wenn einen einzigen Ort sucht, an dem sich das ganze Drama Europas im 20. Jahrhundert verdichtet erfahren lässt, der findet ihn in dieser Stadt. Breslau ist das Prisma, durch das Europa Selbstzerstörung erkennen lasst”. Keine andere europäische Stadt vergleichbarer Größere haben ähnlich radikalen Bruch in ihrer Geschichte zu verzeichnen wie Breslau 1945: In nur drei Jahren wurde die gesamte noch verliebende deutsche Bevölkerung nach Westen (Deutschland West und Ost) ausgesiedelt und durch polnische Siedler aus dem Osten ersetzt. Auf diese dramatische Phase konzentriert sich Thum: jene Zeit, in der sich plötzlich alles änderte- für alle

Walter Benjamins Forderung nach dem “Gang zu den Extremen”, die Erkenntnissuche in den Brüchen und Trümmern, bildet zusammen mit Jan Assmanns Forschungen zum kulturellen Gedächtnis” den geistigen, methodischen Hintergrund dieser Arbeit. Ausgehend von der Extremsituation 1945 entwickelt Thum in drei Schritten das Bild einer von den Nationalsozialistischen rücksichtslos zerstörten Stadt nach der Kapitulation zur “fremder Stadt” wurde: “Der Bevölkerungsaustausch begann unverzüglich. Die polnischen Ansiedler (…) darunter viele Vertriebene aus Ostpolen, kamen in eine ihnen völlig fremde Stadt, während die Deutschen einen Ort verlassen mussten, der fremd geworden war”. “Bevölkerungsaustausch”- ein für mich zunächst gewöhnungsbedürftiger Ausdruck, wie auch die anderer Stelle verwendete Bezeichnungen “Zwangsmigration”. Schließlich geht es um millionenfache Vertreibung um individuelle Schicksale, um Tod und Leid auf allen Seiten durch den vom NS-Wahn entfachten Krieg. Aber beim Weiterlesen wurde mit der Sinn dieser zurückhaltenden, deskriptiven Grundhaltung deutlich. Thums Studie verzichtet bewusst auf Pathos und Anklagen, auf offene oder unterschwellige Beeinflussung des Lesers- ohne das Leid der Menschen aus den Augen zu verlieren. Über die zitierten Erlebnisberichte kommt es unmittelbar und eindringlich zu Tage. Die Dimensionen dieses so genannten “Bevölkerungstransfers” waren gewaltig. Fast 10 Millionen Menschen wurden innerhalb von vier Jahren über hunderte Kilometern hin und hergeschoben, darunter 3,5 Millionen Deutsche, die ihre schlesische Heimat verlassen mussten. Die meisten neuen Einwohner kamen aus den an Stalins Sowjetunion verloren gegangen ostpolnischen Gebieten. Eindrucksvoll zeigt Thum, wie sich die ostpolnischen Bauern in dem urbanen Zentrum zunächst kaum zurecht fanden, wie sie versuchten, weiter ihre Tierhaltung zu betrieben, Kleingärten anzulegen. Und er zeigt, wie fremd ihnen die Stadt lange blieb, in der noch überall die Spuren der vertriebenen deutschen Bewohner zu finden waren. Um die Neuankömmlinge heimlich werden zu lassen, um vor allem auch den politischen Anspruch auf Breslau und die Gebiete östlich der Oder-Neiße-Grenze dauerhaft abzusichern, wurde eine vollständige polnische Stadtgeschichte erfunden.

Von Anfang ging es denn kommunistischen Machthabern im Nachkiregspolen darum, den Mythos der “urpolnischen” Stadt Breslau im Bewusstsein der neuen Einwohner zu verankern. Thum beschreibt detailliert, wie nach 1945 ein Verfahren in Gang gesetzt wurde, das er als “Gedächtnispolitik” charakterisiert. So sprach man polnischer Seite historisch fragwürdig, aber politisch gezielt stets von “wiedergewonnen Gebieten, die “repolonisiert” werden sollten.

In einer eindrucksvollen Formulierung spricht der Verfasser von den “Ingenieuren des kulturellen Gedächtnsisses (das errinert Ostdeutsche an Stalins Diktum vom Schriftsteller als “Ingenieur der Seele”), die an Werk dingen. Fast alles, was an die deutschen Phasen der Geschichte dieser Stadt errinerte, sollte unsichtbar gemacht werden und somit eine jahrhundertelange, komplexe Beziehungsgeschichte auf eine einzige Traditionslinie reduziert werden. Das belegen die Unbenennungen von deutschen Straßennamen, Gebäuden und Denkmmälern. Umgekehrt wurde die polnische Vergangenheit Breslaus als dürchgängig herausgestellt, vor allem mit Blick auf die Traditionen des piastischen Polen seit dem 10. Jahrhunderts. Auch das ist wie Thum zeigt, historische fragt würdig- nicht ohne darauf hinzuweisen, dass es selbstverständlich auch aus preußischer Perspektive einseitige Darstellungen der Stadtgeschichte gab, von den Germanisierungsphantasien der NS-Geschichdeutung ganz zu schweigen.

Eindrucksvoll ist die Aussagekraft von historischen Details: An den Veränderungen des Stadtwaapen zeigt Thum, dass es in unterschiedlichen Phasen stets darum ging, die Geschichte Breslaus auf eine bestimmte Traditionslinie zu reduzieren. Auch die akribische Durchsicht populärer Handbücher und Stadtführer belegt, dass andere Aspekte der Breslauer Geschichte jeweils geflissenlicht verschwiegen wurden. Das bekannteste Beispiel ein einseitigen Historisierung ist die Breslauer Altstadt. Sie wirkt heute, als hätte der Krieg sie verschont. Tatsächlich wurde sie fast völlig zerstört und ist unter ggroßen Anstrenungen historisch wieder aufgebaut worden- allerdings ganz im Sinne der polnischer Trasitionen. So entfernte man zum Teil Jugendstillfassaden, um den Häusern ein barockes Äußeres zu geben oder ihnen eine der vielen gotischen Kuppeln aufzusetzen, die seitdem die Altstadt prägen. Während zerstörte Gebäude aus preußieschen Zeiten unbeachtet blieben, wurden die vorpreußischen Perioden umfassend rekonstruiert- die Dominsel als Sinnbild eines “polnischen Mittelalters”. “Die fremde Stadt” zeigt zugleich die Grenzen solcher Überschreibungs und Verdrängungsversuche auf. So ließen noch die abgeschlagenen Inschriften an Häusern und Denkmälern, die Lücken und die Brüche im Stadtkörper erkennen, dass es andere Phasen der Stadtgeschichte gegeben haben musste.

Es bedurfte eines weiteren historischen Bruches in der Geschichte Polens, um die Voraussetzungen für ein umfassenden Errinern zu schaffen. In jener Stadt, in der die Solidarnocs-Bewegung schon in den achtziger Jahren sehr stark vertreten war, hat nach dem Zusammenbruch des kommunistischhen System in Polen, in Osteuropa eine intensive Auseinandersetzung mit der Lokalgeschichte eingesetzt- erfreulicherweise nun auch gemeinsam von deutschen und polnischen Historikern. aber ebenso von lokalen Vereinen, von Studenten, von interessierten Bürgern. Und die Ergebnisse sind bemerkenswert. Viele Benennungsaktionen aus der Zeit des Kommunismus wurden rückgängig gemacht, neue Bezeichnungen gesucht. Deshalb sind nicht nur die wahrhaft historischen Verdienste von  Solidarnocs im Stadtbild vertreten. Inzwischen gibt es in Breslau auch wieder Schiller-Denkmal, übrigens auch ein Bonhoeffer-Denkmal. Ebenso wurde bisher kaum beachteten Aspekten der Stadtgeschichte in Neubenennungen Rechnung getragen. “Nachholende Aneignung” nennt Thum dieeses neue Interesse an der Stadtgeschichte, die endlich vervollständig werden kann. Aber das Bemühen um lokale Identität ist damit noch nicht zu Ende: Zu anderen Bevölkerungsgruppen- den polnischen Juden, den Ukrainern, den Sinti und Roma- bleibt noch viel zu erforschen.

Thum, der an der University of Pittsburg lehrt, versteht sein Buch als “Beitrag zur deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte”. Es ist Ausdruck einer Geschichtsschhreibung, die ich im besten Sinne als kritisch, auferklärisch und orientierend empfinde. Nach Friedrich Schlegel sollen Historiker “rückwärts gewandte Propheten sein”- ein hoher Anspruch, den diese Studie nicht zu fürchten braucht. Schließlich kommt dieses Buch auch politisch zur rechten Zeit, zeigt in mehrfachher Hinsicht Perspektiven auf. Zum einen arbeitet es die Strukturen von sog.Gedächtnispolitik hheraus, klärt auf über die Langzeitwirkung politischer Mythenbildung und beleuchtet die Arbeitweise der “Ingenieure des kulturellen Gedächtnisses”, die es natürlich nicht nur in Breslau gab und gibt. Dabei hält sich das Buch fern vom postmodernen Pessimismus, vor allem von der bequemem Haltung gegen alte und neue Mythen könne der Einzelne nicht tun. In Gegenteil: diese Schrift ist ein Appel an die Mündigkeit des Bürgers, fordet nachdrücklich auf zur kritischen Auseinandersetzung mit der Funktion und Wirkung solcher Mythen.

Zum anderen bietet diese ungewöhhliche Stadtgeschichte auch eine wichtige europappolitische Perspektive. Polen und Deutschland verbinden heute enge Beziehungen. Deutschland hat sich stets nachdrücklich eingesetzt für den EU-Beitritt Polens. Das ist ein Gebot historischer Gerechtigkeit angesicht der immer wieder von Kriegen gebrochenen Geschichte unserer Völker. Die Osterweiterung der EU, die Wiedervereinigung Europas eröffnet nun die Chanse, auch das Thema Vertreibung im europäischen Kontext aufzuarbeiten. Nicht um späte Aufrechnung von Unrecht, sondern um die gemeinsame Auseinandersetzung mit den Ursachenund Folgen von Verteribungen geht es- und um eine Zukunftperspektive. Auch dazu gibt Thum Anstoß indem er herausarbeitet, dass Breslau in den glücklichsten Phasen seiner Geschichte eine  zutiefst europäische Stadt war.

Об авторе

Натаров Илья

Натаров Илья

Родился 09 апреля 1980 года в городе Баку, в этом же году переехал в Запорожье.
В 2003 году закончил Запорожский Государственный Университет и получил диплом преподавателя немецкого языка и немецкой литературы.

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